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Hazing News

Niklaus Nuspliger interview with Hank Nuwer

«Jedes Jahr stirbt ein Jugendlicher an den Folgen der Schikanen»; Der Universitätsprofessor und Buchautor Hank Nuwer dokumentiert seit 40 Jahren Gewalt und erniedrigende Rituale unter amerikanischen Teenagern

Neue Zürcher Zeitung (Internationale Ausgabe) & NZZ am Sonntag

22. Juli 2013 Montag

 

Section: BILDUNG UND GESELLSCHAFT; S. 38

 

Length: 765 words

 

Byline: Interview: Niklaus Nuspliger

 

 

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Frage Herr Nuwer, wie verbreitet sind Erniedrigungen und sexuelle Übergriffe unter den Jugendlichen in den USA?

Antwort Es ist eine verbreitete Kultur von sexuellen Übergriffen, Mobbing, Cyber-Mobbing und Gewalt zu beobachten. Seit 1970 stirbt in den USA jedes Jahr mindestens ein Jugendlicher an den Folgen von Schikanen und Gruppenritualen an Gymnasien und Universitäten. Früher waren solche extremen Vorfälle seltener. Die Dunkelziffer ist hoch, doch laut einer Studie aus Maine werden 50 Prozent der Jugendlichen als Gymnasiasten oder junge Studenten Opfer von Erniedrigungen.

Frage Nehmen auch sexuelle Übergriffe zu?

Antwort Vor allem unter jüngeren Teenagern an Gymnasien ist eine starke Zunahme zu beobachten, wobei die sexuellen Übergriffe zwei Dimensionen haben: Innerhalb von sozialen Gruppen wie Sportteams oder Studentenverbindungen wird Neulingen oder Emporkömmlingen Respekt gelehrt, indem sie zum Teil sehr brutal sexuell erniedrigt und gedemütigt werden. Daneben ist auch zu beobachten, dass sich gerade männliche Mitglieder solcher Gruppen mit hohem sozialem Status berechtigt fühlen, Mädchen sexuell zu belästigen. Anders als an Universitäten steht die sexuelle Gewalt an Gymnasien meistens nicht in Verbindung mit Alkoholmissbrauch, sondern hat gesellschaftliche Gründe.

Frage Welches sind die Ursprünge der Erniedrigungs-Rituale an Universitäten?

Antwort Das Phänomen des «Hazing» geht auf europäische Universitäten im späten Mittelalter zurück. Der Reformator Martin Luther hat im 16. Jahrhundert solche Praktiken an der Universität Wittenberg beschrieben und argumentiert, dass die Erniedrigungen die jungen Studenten auf die Härten des Lebens vorbereiteten. Über Eliteuniversitäten wie Harvard gelangten die Praktiken dann in die USA.

Frage Ist «Hazing» heute auch ausserhalb der USA zu beobachten?

Antwort Es ist ein weltweites Phänomen: Mir sind Praktiken aus den Philippinen oder Indien bekannt. Nimmt man das mediale Echo zum Massstab, scheint es sich in Europa derweil um ein Randphänomen zu handeln. In den USA liest man täglich von brutalen «Hazing»-Vorfällen. Einzigartig an den USA ist auch, dass die Erniedrigungen im institutionalisierten Rahmen von Studentenverbindungen und Sportteams geschehen.

Frage Sind Politik, Gesellschaft und Universitäten für das Thema sensibilisiert?

Antwort In den letzten zwanzig Jahren hat sich einiges bewegt. Es wurden härtere Gesetze erlassen, wobei im Kontext von «Hazing» erfolgte sexuelle Übergriffe oder Todesfälle viel milder bestraft werden als «normale» Sexual- oder Tötungsdelikte. In Gymnasien gibt es grossen Handlungsbedarf, doch auf universitärer Stufe haben sich Organisationen dem Kampf gegen «Hazing» und gegen sexuelle Gewalt verschrieben. Zudem haben viele Universitäten Task-Forces oder Fachstellen eingerichtet.

Frage Dennoch bleibt «Hazing» an Universitäten ein weitverbreitetes Phänomen.

Antwort Die Universitäten setzen vor allem auf Prävention und Erziehung. Sie sollten aber Studenten, die sich an extremen Missbräuchen beteiligen, konsequenter von der Schule weisen. Anders als früher stellen sich die Universitätsleitungen heute auf den Standpunkt, dass sie nicht kontrollieren könnten, was ausserhalb des Campus und in den privaten Klubhäusern geschehe. Die universitären Sicherheitsdienste könnten aber durchaus strengere Kontrollen durchführen. Ein grosses Problem ist der unkontrollierte Alkoholkonsum: Bei 80 Prozent der schweren «Hazing»-Übergriffe ist Alkoholmissbrauch im Spiel.

Frage Welche Rolle spielen erwachsene Alumni von Studentenverbindungen?

Antwort Es wäre wichtig, wenn sich Alumni zumindest gegen die schweren Übergriffe einsetzen würden. Oft ist leider das Gegenteil der Fall. Erwachsene Alumni kommen oft zurück in die Häuser der Verbindungen, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. Es hat schon Todesfälle bei Einführungsritualen gegeben, an denen erwachsene Alumni aktiv mitgewirkt haben.

Frage Warum setzen sich nicht mehr Jugendliche zur Wehr?

Antwort Angesichts der Kultur der Verschwiegenheit ist es nicht einfach, sich gegen seine Kameraden zu stellen. Die Erfahrung zeigt, dass Whistleblower zum Teil schlimme Anfeindungen über sich ergehen lassen müssen. Je nach sozialem Status kann ein Whistleblower aber auch zum Helden werden und eine positive Dynamik auslösen. Letztlich müssen Veränderungen von den Jugendlichen selber ausgehen. Die Teenager werden im Gymnasium mit Übergriffen konfrontiert und glauben, dass diese normal sind und «dazugehören». Daher müssten Präventions- und Sensibilisierungsmassnahmen bereits in der Elementarschule einsetzen.

Interview: Niklaus Nuspliger

 

By Hank Nuwer

Hank Nuwer is the Indiana-based author of Broken Pledges: The Deadly Rite of Hazing, High School Hazing, Wrongs of Passage and The Hazing Reader. He has written articles or columns on hazing for the Sunday Times of India, Toronto Globe & Mail, Harper's Magazine, Orlando Sentinel, The Chronicle of Higher Education and the New York Times Sunday Magazine. His new book is Hazing: Destroying Young Lives from Indiana University Press.

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